Karl Johann Scharpf (Berlin)

Lost in Translation: Epistemische Passagen der Informationsgewinnung in barocker Topographie

Der Vortrag untersucht Translationsprozesse und -verluste in der frühneuzeitlichen Wissensproduktion am Beispiel der barocken Topographieliteratur des deutschsprachigen Raums. Im Zentrum steht die Frage, wie naturkundliche Fragebögen gelehrter Autoren in mehrstufigen Translationen – von mündlicher Erzählung über schriftliche Korrespondenz bis hin zur Integration in gedruckte Topographien – transformiert wurden und wie sich dabei der epistemische Status des ursprünglich oralen Berichts veränderte.

Ausgangspunkt bildet der Fragenkatalog von Johann Jakob Scheuchzer, der an Korrespondenzpartner*innen versandt wurde, welche ihrerseits lokale Informant*innen befragten und als Sammler der mündlichen Erzählungen fungierten. Diese Informationen durchliefen mehrere epistemische Passagen: von situativen mündlichen Berichten über selektive Verschriftlichung und Bewertung in Briefen bis zur erneuten Umarbeitung im Rahmen großformatiger topographischer Werke. Anhand von Werken wie Scheuchzers Naturgeschichte der Schweiz wird gezeigt, wie Aussagen auf jeder dieser Ebenen verschoben, vereinfacht, erweitert, ironisiert oder normiert wurden.

Der Vortrag versteht diese Prozesse als produktive Transformationen von Wissen. Übersetzung meint hier nicht nur die Sprachübertragung von der Mundart in das geschriebene Wort, sondern auch die Anpassung von lokalem Erfahrungswissen an gelehrte Erwartungen, literarische Konventionen und epistemische Ordnungen. Besonders deutlich werden diese Dynamiken in Bereichen epistemischer Instabilität. Anhand von Berichten über ungewöhnliche Naturphänomene, Monster oder magische Praktiken zeigen sich Spannungen zwischen Nähe zum Phänomen und Distanz im Text, zwischen Zeug*innenschaft und Autopsie.

Indem der Beitrag frühe topographische Wissenspraktiken als komplexe Übersetzungsketten analysiert, leistet er einen Beitrag zur Geschichte des „Translationswissens“ und zur Neubewertung nicht-gelehrter Akteur*innen und in der Wissensproduktion der Frühen Neuzeit.