Der Vortrag untersucht Übersetzungs- und Vermittlungspraktiken im Gedichtzyklus „Irdisches Vergnügen in Gott“ des frühaufklärerischen Dichters Barthold Heinrich Brockes (1680–1747) und fragt danach, wie naturwissenschaftliches, insbesondere optisches Wissen des 18. Jahrhunderts im Prozess der Translation verändert wird. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass Übersetzen in der Frühaufklärung eine zentrale Praxis der Wissenszirkulation darstellt, durch die Wissen über Sprachgrenzen hinweg bewegt und für neue Kontexte erschlossen wurde. Dichtung fungierte hierbei als Medium der Wissensvermittlung, in dem sich solche Umformungsprozesse exemplarisch beobachten lassen.
Brockes bietet hierfür einen besonders aufschlussreichen Fall, da er als Übersetzer europäischer Naturphilosophie tätig war. Seine Übertragungen und Nachdichtungen aus dem Englischen und Französischen stehen in engem Zusammenhang mit seiner eigenen dichterischen Produktion und machen Übersetzen zu einem grundlegenden Arbeitsmodus seiner Gedichte. Der Vortrag versteht diese Praxis als Teil eines frühneuzeitlichen „Translationswissens“, in dem naturwissenschaftliche Erkenntnisse nicht unverändert weitergegeben, sondern in der Übersetzung und poetischen Umformung neu geordnet werden. Brockes rezipiert optische Theorien von Isaac Newton und René Descartes überwiegend über vermittelnde Instanzen wie populärwissenschaftliche Schriften, insbesondere über den Naturwissenschaftler und Theologen Noël-Antoine Pluche. In dieser bearbeiteten Form gehen die Wissensbestände in seine Texte ein und werden dort in Darstellungen überführt, die den Vollzug des Sehens betonen.
Der Vortrag argumentiert, dass diese Übertragungen als epistemische Operationen zu verstehen sind, in denen sich das Wissen selbst verändert. Damit versteht sich der Beitrag als Fallstudie zu Wissen in Translation im 18. Jahrhundert und zu den epistemischen Übergängen zwischen Wissenschaft, Übersetzung und Dichtung.