Die frühen 1990er Jahre markieren eine besondere politische und epistemische Umbruchszeit, in der personale Sprecherpositionierungen und Praktiken des Ich-Sagens eine hervorgehobene Rolle in Wissens- und Textkulturen spielten. Insbesondere im US-Kontext hielten damals mit Konzepten wie standpoint epistemology, situated knowledge, identity politics oder intersectionality Diskursangebote Einzug, die die erste Person Singular als einen unhintergehbaren epistemischen und politischen Bezugspunkt ansahen. Im Mittelpunkt des Vortrags steht dabei vor allem die in diesen Konzepten eingeschriebene wechselvolle Karriere des Begriffs der Erfahrung. Während Erfahrung in älteren naturwissenschaftlichen und wissenschaftstheoretischen Diskussionen oft als eine epistemisch störende und in jeder Hinsicht zu überwindende Kategorie galt, erlebte der Begriff in den ausgehenden 1980er und frühen 1990er Jahren eine neue epistemologische Aufwertung. Das ging so weit, dass mithilfe des Erfahrungsbegriffs auch neue Objektivitätsansprüche und Evidenzpraktiken in der Wissensproduktion mobilisiert wurden. Anhand ausgewählter Beispiele aus unterschiedlichen Wissensgebieten soll gefragt werden, welche Konzepte von Erfahrung in Anschlag gebracht wurden, wie neue Formen der Evidenz und Autorschaft damit begründet wurden, auf welche kulturellen und politischen Verschiebungen die personalen Sprech- und Denkweisen reagierten und welche epistemischen Problemlagen sich daraus ergaben.