Michael Hagner (Zürich)

Der Schriftsteller als Avatar zu Besuch im Uncanny Valley

2016 veröffentlicht der Schriftsteller Thomas Melle das Buch „Die Welt im Rücken“, das von seiner bipolaren Erkrankung handelt und reale Ereignisse und reale Personen mit fiktiven Elementen verwebt. In der langen Geschichte der literarischen Auseinandersetzung mit psychiatrischen Erkrankungen könnte man «Die Welt im Rücken» als Autobio-Pathografie bezeichnen: als Versuch, zu einer „Form von Wahrhaftigkeit“ vorzustoßen, die in diesem Fall aber nicht zum authentischen Bericht einer Krankengeschichte mutiert, sondern als Ausdruck künstlerischer Freiheit eine neue literarische Figur schafft, mit der sich weiterarbeiten lässt. Das geschieht in der zusammen mit dem Theaterregisseur Stefan Kaegi (Rimini Protokoll) erarbeiteten Inszenierung „Uncanny Valley“, in der Melle als Avatar seiner selbst auf die Bühne gebracht wird. Die spielerische Reflektion über Leben, Krankheit und Künstliche Intelligenz bringt die vermeintliche Sicherheit von Autorschaft und Identität gehörig ins Schleudern. Auf einmal ist es gar nicht mehr so klar, wer hier spricht bzw. schreibt, aber genau in diesem fast kollabierenden Zuordnungsmuster könnten sich neue Perspektiven für ästhetische und epistemische Erfahrungsräume ergeben.