Sektion 2:

Überbrücken, übertragen, unterschlagen: Medizinische Translationen im Kalten Krieg

Organisation: Alexa Geisthövel (Berlin)

Querelen in der WHO, die sowjetisch-amerikanische Zusammenarbeit am künstlichen Herzen oder Ärzte gegen den Atomkrieg – dies wären prominente Beispiele für die mehr oder weniger konflikthafte internationale Wissenszirkulation während des Kalten Krieges. Die Beiträge der vorgeschlagenen Sektion nähern sich dem Thema allerdings von vermeintlichen Randlagen der blockübergreifenden und blockinternen Wissens- und Wissenschaftspolitik. Mit einem Schwerpunkt auf Nord- und Mittel(ost)europa erforschen sie in vier Miniaturen, wie über politische Grenzen, räumliche, epochale und kulturelle Distanzen sowie Machtgefälle hinweg medizinisch relevantes Wissen vermittelt wurde.

Die vorgeschlagene Sektion knüpft damit an die Sektion „(Un)Durchlässige Grenzen: Medizinischer Austausch während des Kalten Krieges“ auf der GWMT-Tagung 2025 an, bringt aber unter dem Rahmenthema Translation neue Perspektiven ein. Sie fokussiert zum einen auf kommunikative Prozesse und deren Organisation. Zum anderen bilanziert sie ,Gewinne‘ und ,Verluste‘ von Transfers, die sowohl produktive Verbindungen als auch Abhängigkeiten stiften, das Übersetzte sowohl sichtbar machen als auch überschreiben.

Die vier Beiträge beziehen ihr Material aus diversen Feldern: der Pharmazie, der Immunologie, der Zellphysiologie und Mikrobiologie sowie der Wissenschaftstheorie. Akteure sind sowohl einzelne Kliniker und Wissenschaftler als auch Wissenschaftsakademien, Fachgesellschaften, Regulierungsbehörden und eine hochbürokratische Forschungsgroßorganisation unter dem Dach des Comecon. Ein wiederkehrendes Thema ist schließlich die Sprache als Werkzeug und Gegenstand von Translationen: vom Nebeneinander Russisch-Englisch in der biomedizinischen Forschung im Ostblock über das neutrale Schweden als Ankerpunkt für „Science Diplomacy“ über den Eisernen Vorhang hinweg bis zur Übersetzung, „Glättung“ und Fehllektüre der auf Deutsch verfassten Hauptschrift des polnischen Wissenschaftstheoretikers Ludwik Fleck in den USA.