Der Beitrag untersucht anhand von Ludwik Flecks Buch Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache (Basel 1935) verschiedene Übersetzungstaktiken. Flecks Buch, das Anfang der 1930er Jahre auf deutsch in Lwów (damals Polen) entstand, verstehe ich als einen Versuch, die dominante Sprache der Erkenntnistheorie in eine „kleine Epistemik“ („minor epistemology“) zu übersetzen. Dabei greift Fleck auf typische Taktiken der „Minorisierung“ (Deleuze/Guattari 1975) zurück, wie Spott und Witz. Er versucht mit ungewöhnlichen Wortbildungen die Sprache der Philosophie und eines ihrer Kernkonzepte („Denken“) zum Stottern und damit aus dem Gleichgewicht zu bringen.
Der 2. Teil lenkt die Aufmerksamkeit auf eine Gruppe von US-amerikanischen Akademikern (Th. Trenn, R. Merton, Th. Kuhn) und ihren Schwierigkeiten, Flecks Buch Mitte der 1970er Jahre ins Englische zu übersetzen. Sie verkennen Flecks Taktiken der Minorisierung als das schlechte, „idiosynkratische“ Deutsch“ eines polnischen, jüdischen, nicht-akademischen Arztes. Als Projekt einer akademischen Elite sollte die englische Übersetzung Flecks Stil glätten und seine Lesbarkeit verbessern, um ihn als Vorläufer Kuhns zu kanonisieren. Mein Beitrag, der auf der Auswertung von Korrespondenzen und Nachlässen von Flecks Herausgebern und Übersetzern beruht, fragt nach dem Erbe des eigentümlichen Doppelleben Flecks zwischen posthumer Kuhnianisierung und minor epistemology.