Florenz Gilly (Wien)

‚Sexualität konkret‘ (1979–1986). Zur Popularisierung sexuologischen Wissens zwischen sexueller Revolution und AIDS-Krise

Der Vortrag berührt das Rahmenthema der 8. GWMT-Jahrestagung im Kern: die Übersetzung und Verbreitung von wissenschaftlichem „Wissen über Sex“ (Moritz Liebeknecht), das in der Nachkriegszeit durch empirische Verfahren – Messungen, Fragebögen, statistische Erhebungen – und philosophische Spekulationen in der Tradition der Freud’schen Psychoanalyse und der Frankfurter Schule generiert wurde. Um dieses Wissen „ins Bewusstsein derer“ zu bringen, „die es angeht“, startete der linke Hamburger Konkret-Verlag unter Hermann L. Gremliza, verantwortet von Ingrid Klein und in Zusammenarbeit mit einer Riege meinungsstarker Sexualforscher um Volkmar Sigusch, 1979 eine Zeitschriftenreihe, die in der Mediengeschichte der Bundesrepublik ihresgleichen sucht: die Sonderhefte ‚Sexualität konkret‘, die bis 1986 einmal jährlich zu Ostern erschienen, zeitweise indiziert wurden und Auflagen im sechsstelligen Bereich erreichten. Gemacht, „weil wir rund um uns die kaputten Sexualverhältnisse sehen und die Hilflosigkeit vor ihnen“, wie es im Editorial heißt, versammelte die Reihe das „Who’s Who“ der westdeutschen Intelligenzija und wagte den Schulterschluss von Aktivismus, Wissenschaft und Populärkultur.

Im Anschluss an Dagmar Herzog, für die sich in ‚Sexualität konkret‘ die „Ambivalenzen“ der sexuellen Revolution „so augenfällig“ wie nirgends sonst manifestieren, werde ich alle sechs Ausgaben sichten und ausgewählte Text- und Bildbeiträge einer sorgfältigen Lektüre unterziehen. Darüber hinaus verfolge ich die publizistische Entwicklung des Projekts: Ausgewählte Beiträge wurden in Buchform wiederveröffentlicht und beeinflussten die medizinisch-therapeutische Praxis. An ‚Sexualität konkret‘ lässt sich, so meine These, die Transformation der Sexualwissenschaft von einer Garagenwissenschaft zur institutionalisierten Disziplin nachvollziehen – mit allen Einschlüssen, Ausschlüssen und Normierungen, die Prozesse der Institutionalisierung, Professionalisierung und Akademisierung mit sich bringen.