Jan Brinkmann (Augsburg)

Bienen in Translation. Entomologische Praktiken des Übersetzens, 1880–1914

Im Jahr 1880 brach der deutsche Zoologe Hermann Albrecht Friedrich von Ihering (1850–1930) nach Brasilien auf, wo er sich die nächsten 30 Jahre dem Studium der „stachellosen Honigbienen“ Südamerikas widmete. Die Ergebnisse seiner entomologischen Arbeit publizierte er 1904 unter dem Titel Biologie der stachellosen Honigbienen Brasiliens in den Zoologischen Jahrbüchern.

Bei der Lektüre fällt schnell auf: Hier schrieb ein global agierender Naturforscher, dessen Tätigkeit unmittelbar von der Zusammenarbeit mit Kenner*innen der tropischen Insektenfauna abhing. Immer wieder beschrieb von Ihering die kulturellen, materiellen und epistemologischen Übersetzungsprozesse, in denen seine Arbeit stattfand. „Die Tupi-Namen der brasilianischen Bienen“ etwa gewännen aufgrund der umfassenden Wissensbestände seiner lokalen Informant*innen „für die biologische Forschung geradezu die Bedeutung eines Wegweisers.“

Das mag eine rhetorische Geste sein, die die tatsächlichen Machtasymmetrien der entomologischen Wissensproduktion nur unzureichend kaschierte. Dennoch präsentierte von Ihering die Bienenexpertise der „Tupi“ hier als Impulsgeber der naturwissenschaftlichen Praxis, als eine Form ökologischen Wissens, von der die Vertreter der modernen Biologie noch einiges lernen könnten. In anderen Worten: Um tropische Bienen zu finden, zu sammeln und neues Wissen über die Tiere zu erzeugen, war eine fortlaufende Übersetzungsarbeit in den Kontaktzonen der interkulturellen Begegnung unabdingbar.

Mein Beitrag geht der Geschichte dieses „Kontakt-Wissens“ (Fischer-Tiné) nach und zeigt anhand verschiedener Naturforscher die vielfältigen Praktiken des bienenwissenschaftlichen Übersetzens und ihre Konsequenzen. Neben den epistemischen Implikationen kolonialer Verflechtungen liegt der Fokus dabei auch auf den bienenbezogenen Friktionen, die im Amazonasgebiet des späten 19. Jahrhunderts zwischen Entomologie und Ethnographie stattfanden.