Sophia Gräfe (Berlin)

Mediale Translationen. Vergleichende Verhaltensforschung und ihre Medien um 1950

Seit der 1930er Jahren entstand im deutschsprachigen Raum mit der Ethologie eine biologische Fachdisziplin zur naturwissenschaftlichen Erforschung tierlichen Verhaltens. In Abgrenzung zu früheren Strömungen der Tierpsychologie strebten die Akteure des Fachs Kenntnisse über angeborene und evolutionsbiologisch begründete Verhaltensmuster an, die induktiv, d.h. aus der Beobachtung und am lebendigen Tier zu erarbeiten waren. Dabei stellte die Flüchtigkeit und die Komplexität des Phänomens ‚Verhalten‘ die Zeitgenossen vor methodische Hürden: Wie lassen sich der Anfang und das Ende, der Grund, der Kontext und die Zielrichtung eines Verhaltens detektieren und für Vergleichs- und Langzeitstudien standardisierbar und universell codieren?

Der Vortrag schildert anhand von Archivmaterial aus der Gründungszeit der Ethologie welche Aufzeichnungs- und Kodierungsverfahren nötig wahren, um belastbare Verhaltensdaten in Forschungslaboren zu speichern und in Fachtexte zu überführen. Dabei legt er insbesondere ein Augenmerk auf die verschiedentlich gewählten ‚medialen Translationen‘, die die Herstellung neuer Verhaltenspräparate bis in die 1960er Jahre begleiteten (Serienfotografien, Filme, Umrisszeichnungen, Tonaufnahmen u.a.). Er zeigt auf, mit welchen Praktiken und Verfahren Tierverhalten in analoge Verhaltenskarteien überführt wurden und in der Folge belastbare Aussagen über allgemeine Gesetze des Verhaltens versprachen. Dieses 'universelle' Verhaltenswissen wartete schließlich auf seine Translation in Erklärungsmodelle für menschliches Verhalten. In Hinblick auf die zeithistorischen Kontexte der deutschsprachigen Verhaltensbiologie waren diese Übertragungen je nach gesellschaftspolitischer Verortung umstritten. In seiner Verschränkung von Biologie-, Technik-, Tier- und Zeitgeschichte zielt der Vortrag darauf ab, die medialen und epistemischen Bedingungen für die Translationen der Ethologie zwischen Tier, Mensch und Gesellschaft zu porträtieren.