Leander Diener (Bielefeld)

Von der Antike in die Ewigkeit: Endlagerforschung und Applied history, 1960-2000

Die Endlagerforschung für hochradioaktive Abfälle muss über Zeiträume von hunderttausenden Jahren denken, was jede menschliche Erfahrung und institutionelle Kontinuität übersteigt. In diesem Feld kommt historisches Fachwissen buchstäblich als applied history zur Anwendung: Die Frage, ob Mauern oder Behältermaterialien Jahrtausende überdauern, beantwortet sich nicht allein im Labor, sondern beispielsweise auch durch den Blick auf antike Hinterlassenschaften. Historisches Wissen wird aus Bibliotheken und Grabungsschnitten gelöst und in neue Praxisfelder überführt.

Was hier stattfindet, ist mehr als eine Illustration durch Beispiele. Es ist ein Transit des Wissens selbst: Historische Temporalitätsexpertise wird zur tempotechnischen Praxis. Die Archäologin, die römische Mörtelrezepturen erforscht, tritt als Akteurin einer applied history auf. Ihr Wissen durchläuft eine doppelte Translationsbewegung zwischen Disziplinen (von der Archäologie in die Material- und Endlagerforschung) und zwischen Zeitlichkeiten (vom Wissen über die Vergangenheit zum Wissen für Zukunft). Dabei entsteht ein spezifisches Wissen darüber, wie Stabilität und Dauer über tiefenzeitliche Dimensionen hinweg gedacht und technisch verfügbar gemacht werden können. Die römische Mörtelrezeptur wird im Endlagerkontext zu etwas anderem als in der Antike, sie wird zum Analogon, zum Modellparameter, zum Baustein einer Infrastruktur für die Ewigkeit.

Der Vortrag präsentiert eine Fallstudie aus der Endlagerforschung als Paradigma für Wissenstransit und fragt nach den infrastrukturellen und rhetorischen Übersetzungen zwischen verschiedenen Zeitlichkeiten. Dabei wird das Konzept der tempotechnischen Praxis vorgeschlagen, das über die Endlagerforschung hinaus für die angewandte Historizität zahlreicher gesellschaftlicher Bereiche im Anthropozän steht.