Anne Oommen-Halbach (Düsseldorf)

Von kindlicher Aggression zu kindlicher Angst. Über die Anfänge der psychosomatischen Forschung an Kindern in den 1970er Jahren

„Die gesellschaftliche Relevanz dieses Themas“ müsse nicht betont werden – so argumentierte die Hamburger Professorin für Kinderheilkunde Hedwig Wallis (1921-1997) in ihrem 1972 verfassten DFG-Antrag zum Sonderforschungsbereich 115, dessen Titel „Psychosomatische, psychodiagnostische und therapeutische Aspekte der Aggressivität“ lautete. Vor dem Hintergrund des Kalten Krieges, der atomaren Bedrohung und der medialen Präsenz des Vietnamkrieges war der drängende gesellschaftliche Forschungsbedarf zu Bedingungskonstellationen aggressiver Verhaltensweisen offenbar überdeutlich. Aber auch der 1963 publizierte Bestseller des Verhaltensforschers und „Wissenschaftsstar“ Konrad Lorenz „Über das sogenannte Böse“, der Verhaltenserkenntnisse vom Tier auf den Menschen übertrug und einen biologisch vererbten Aggressionsdrang des Menschen propagierte, hatte das Thema der menschlichen Aggression in den Mittelpunkt des gesellschaftlichen Interesses gerückt. Als Leiterin der Psychosomatischen Abteilung am Universitätsklinikum Eppendorf postulierte Wallis zunächst pathologische Aggressivitätsabläufe als Ursache kindlicher Verhaltensstörungen. In den folgenden Jahren gerieten jedoch verstärkt krankheitsreaktive Aggressivitäten von Kindern in den Blick, die als Folge der starken kindlichen Frustrationen durch diagnostische und therapeutische Maßnahmen erklärt wurden. Schließlich etablierten sich Forschungsprojekte, die die Angstreaktionen von Kindern aufgrund aggressiver ärztlicher Eingriffe untersuchten. Der Beitrag spürt den im SFB 115 vollzogenen Forschungsperspektivwechsel vom aggressiven zum ängstlichen Kind nach und bettet ihn ein in die frühe Geschichte der Kinderpsychosomatik in Deutschland.