Oliver Falk (Münster)

Zwischen neuem Wissen und alter Logik. Zum polizeilichen Umgang mit psychischer Alterität nach der Psychiatriereform, 1975-2000

Die Psychiatriereform der 1970er Jahre markierte in der Bundesrepublik nicht nur einen institutionellen Umbau der Versorgung, sondern eine grundlegende Verschiebung sicherheits- und sozialpolitischer Rationalitäten. Unter anderem durch die zeitgenössische Kritik an einem „polizei- und ordnungsrechtlichen Denken“ im Umgang mit psychischer Alterität gerieten auch Rolle und Handeln der Polizei in den Fokus reformorientierter Debatten. Zugleich verlagerten die neuen gemeindenahen Versorgungslogiken psychiatrische Krisen verstärkt in den öffentlichen Raum und ließen sie dort sichtbarer werden, was die die Polizei vor neue Herausforderungen im Umgang mit psychischer Alterität stellte.

Im Vortrag wird diese Konstellation als epistemische Passage verstanden, in der Situationen öffentlicher Krisen – etwa bei akuter Psychose, Intoxikation oder suizidaler Gefährdung – in operative Entscheidungsroutinen übersetzt werden mussten, die gleichermaßen medizinisch, juristisch sowie kriminologisch Aspekte berücksichtigten. Im Zentrum des Beitrages steht daher polizeiliches Handeln als epistemische Praxis. Anhand von Dienstvorschriften, Ausbildungsunterlagen, Fachzeitschriften und Regelwerken soll rekonstruiert werden, wie sich seit den 1970er Jahren ein spezifisches polizeiliches „Translationswissen“ herausbildete.

Die These lautet, dass die Reform nicht lediglich eine institutionelle Neuordnung darstellte, sondern einen Anpassungsprozess polizeilicher Wissensformen auslöste: Während vorreformatorische Ordnungskategorien psychische Auffälligkeit primär im Horizont unmittelbarer Gefahrenabwehr adressierten, entstand im Zuge der Reform ein hybrides Interventionswissen, das Fürsorge, Risikoabschätzung und Präventionslogiken mit sicherheitspolitischen Routinen verschränkte. Polizeiliches Handeln erscheint damit als Teil eines sich neu formierenden Sicherheitsdispositivs, in dem Psychiatrie, Recht und Kriminologie nicht nur koordiniert, sondern in der Praxis neu konfiguriert wurden.