Der Beitrag präsentiert Ergebnisse aus einem laufenden Projekt zur Geschichte der Psychoendokrinologie im deutschsprachigen Raum. Im Zentrum steht die Frage, wie Wissen aus der sich seit Beginn des 20. Jahrhunderts etablierenden Endokrinologie in psychiatrische Diagnostik- und Behandlungskontexte übersetzt wurde. Ausgehend von neu erschlossenem Archivmaterial der Psychiatrischen Universitätsklinik ‚Burghölzli‘ in Zürich untersucht das Projekt die epistemischen und institutionellen Bedingungen der Translation von Wissen aus der Endokrinologie in die Psychiatrie. Im Fokus stehen diagnostische Konzepte sowie therapeutische Praktiken, insbesondere der Einsatz hormoneller Präparate. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf den Arbeiten des Zürcher Psychiaters Manfred Bleuler, der sich seit den 1940er Jahren um die internationale Etablierung der neuen Disziplin Psychoendokrinologie bemühte. Der zunehmende Einfluss der Pharmaindustrie erlaubte es Bleuler als Direktor des ‚Burghölzli‘ hormonelle Substanzen zu klinischen Studienzwecken anzuwenden. Mit seinem Lehrbuch „Endokrinologische Psychiatrie“ (1954) bemühte er sich um eine systematische Zusammenführung internationaler Forschung. Zugleich entwickelte Bleuler eigene Konzepte wie das „endokrine Psychosyndrom“. Die Analyse seines Nachlasses zeigt, dass die Translation endokrinologischen Wissens nicht als linearer Transfer zu verstehen ist, sondern von Aushandlungsprozessen geprägt war. Tierexperimentelle Forschung, klinische Beobachtungen und individuelle Fallgeschichten wurden dabei miteinander verschränkt. Der Beitrag versteht diese Prozesse als „epistemische Passagen“, in denen Wissen in institutionellen und sozialen Kontexten neu konfiguriert wurde. Er fragt danach, wie sich spezifische Formen von „Translationswissen“ herausbildeten, die Diagnostik und Therapie prägten, und leistet so einen Beitrag zum Verständnis historischer Dynamiken der Wissenstranslation zwischen Biologie, Psychiatrie und Pharmaindustrie.