Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden Programme zur Geburtsvorbereitung mit dem Ziel, physiologische und psychologische Hindernisse für eine gelungene Geburt durch gezieltes Training zu überwinden. Für die Entwicklung dieser Programme übersetzten britische Ärzt:innen Wissensbestände über „andere “ Geburten – darunter versteht der Beitrag Geburtspraktiken und Gebärhaltungen, die Mediziner:innen bei Schwangeren außerhalb Europas oder in ländlichen Gebieten und städtischen Armenvierteln in Großbritannien beobachteten.
In Fachliteratur, Ratgebern und praktischen Anleitungen wurde das so gewonnene Wissen für ein breites Publikum übersetzt, welches hauptsächlich aus weißen Frauen der Mittelschicht bestand. Ihnen wurden eine besseres Geburtserlebnis und ein gesünderer Geburtsverlauf versprochen, verbunden mit der Erwartung, dass sie so ihrer ‚natürlichen‘ Bestimmung zur Mutterschaft nachkommen würden. Der Vortrag geht daher zunächst der Frage nach, wie diese Übersetzungen britische Diskurse über Natürlichkeit, Zivilisation und Weiblichkeit entscheidend beeinflussten. Daran anschließend zeichnet der Beitrag nach, wie die Wissensbestände benutzt wurden, um Machtverhältnisse zwischen den an der Geburt beteiligten Berufsgruppen und den Schwangeren auszuhandeln.
Übersetzt und adaptiert wurden die Wissensbestände der Geburtsvorbereitung außerdem, als die Publikationen britischer Autor:innen ab den 1950er Jahren auf den deutschen Markt kamen. Auch wenn das durch den colonial gaze geprägte Wissen um außereuropäische Geburten in den folgenden Jahrzehnten nicht immer offen präsent war, zeigt der Vortrag, dass es seine Wirk-mächtigkeit auch in der Bundesrepublik entfaltete und Vorstellungen über eine ‚gute‘ Geburt entscheidend mitprägte. Die rassistischen Annahmen, die in vielen Fällen das Wissen über die ‚anderen‘ Geburten bestimmten, wurden dabei bis in die 1970er Jahre reproduziert, auch wenn die Praktiken zu diesem Zeitpunkt wieder als Alternative präsentiert wurden.